Null Zinsen in der Schweiz, Zinserhöhung in der EU: Was das mit Deinem Geld macht
2,25 Prozent in Frankfurt, null Prozent in Zürich. Wer nur die zwei Zahlen kennt, zieht den falschen Schluss. Denn ein Zins ist kein Geschenk. Er ist ein Preis, und wer ihn zahlen muss, hat einen Grund.
18. Juni 2026Sebastian Sauerborn
2,25 Prozent zahlt Dir die EZB.
Null Prozent zahlt Dir die Schweizerische Nationalbank.
Wenn Du nur diese zwei Zahlen kennst, ist der Fall klar: Dein Geld gehört nach Frankfurt, nicht nach Zürich.
Genau deshalb lohnt es sich, eine Minute länger hinzuschauen.
Dazu im Video
Wir werden bald wieder Negativzinsen sehen
Zins ist Schmerzensgeld
Eine Zentralbank erhöht die Zinsen nicht, weil sie großzügig ist.
Sie erhöht sie, weil sie muss.
Am 11. Juni 2026 hat die EZB alle drei Leitsätze um einen Viertelpunkt angehoben. Der Einlagesatz steht seither bei 2,25 Prozent. Der Grund steht in derselben Mitteilung: Die EZB erwartet für den Euroraum in diesem Jahr 3,0 Prozent Inflation.
Eine Woche später, am 18. Juni, hat die SNB ihren Leitzins bei null belassen. Ihre Inflationsprognose: 0,6 Prozent in diesem Jahr. 0,6 Prozent im nächsten. 0,7 Prozent im übernächsten.
Der Zins ist keine Belohnung. Er ist Schmerzensgeld für die Entwertung, die Du erträgst.
Rechne es durch.
2,25 Prozent Zins minus 3,0 Prozent Inflation: Dein Euro-Guthaben verliert dieses Jahr real rund 0,75 Prozent.
0 Prozent Zins minus 0,6 Prozent Inflation: Dein Franken-Guthaben verliert real rund 0,6 Prozent.
Das höhere Schmerzensgeld gleicht den größeren Schmerz nicht aus.
Die Währung, die alle wollen
Vielleicht denkst Du trotzdem: Null Prozent fühlt sich falsch an.
Verständlich. In Deutschland waren Nullzinsen jahrelang die Begleitmusik zu einer Geldpolitik, die Sparer stumm enteignet hat. Diese Erinnerung sitzt tief, und sie ist berechtigt.
Aber dieselbe Zahl erzählt in Zürich eine andere Geschichte.
Die SNB hat am 18. Juni nicht nur den Zins bei null gelassen. Sie hat im selben Atemzug erklärt, sie sei verstärkt bereit, am Devisenmarkt zu intervenieren. Wogegen? Gegen eine zu schnelle Aufwertung des Frankens.
Lies das ruhig zweimal.
Das Problem der Schweiz ist nicht, dass ihr Geld niemand will.
Das Problem der Schweiz ist, dass ihr Geld alle wollen. Immer dann am dringendsten, wenn es irgendwo auf der Welt brennt.
Eine Währung, die keinen Zins bieten muss, damit man sie hält, ist keine schwache Währung. Sie ist die Währung, bei der das Schmerzensgeld entfallen kann, weil der Schmerz fehlt.
Was das für Dich konkret heißt
Wenn Du mit dem Gedanken spielst, in die Schweiz zu ziehen, sind diese zwei Juni-Entscheide keine Randnotiz für den Wirtschaftsteil. Sie betreffen drei Posten Deiner künftigen Rechnung.
Deine Hypothek. SARON-Hypotheken hängen direkt am Leitzins, und die SNB rechnet in ihrer eigenen Prognose damit, dass er über den gesamten Prognosehorizont bei null bleibt. Finanzieren ist in der Schweiz gerade so günstig, wie es in Deutschland zuletzt vor einem Jahrzehnt war.
Dein Erspartes. Auf dem Franken-Konto verdient es nominal fast nichts, das stimmt. Aber es wird auch nicht weginflationiert, und die mickrigen Zinserträge bedeuten nebenbei: kaum steuerbarer Vermögensertrag.
Dein Einkommen, solange es noch in Euro fließt. Die SNB bewirtschaftet den Wechselkurs aktiv gegen abrupte Franken-Sprünge. Verlassen kannst Du Dich darauf nicht, aber es ist ein erklärtes Ziel der Notenbank, nachzulesen in ihrer Lagebeurteilung. Wer Euro-Einkommen in ein Franken-Leben überführt, plant den Kurs als Risiko ein, nicht als Hoffnung.
Der eigentliche Punkt
Die EZB hat im Juli die Sätze unverändert gelassen und sich ausdrücklich auf nichts festgelegt. Vielleicht erhöht sie weiter, vielleicht nicht. Das entscheiden Daten, die noch niemand kennt.
Was Du heute schon weißt: Auf der einen Seite steht eine Notenbank, die 2,25 Prozent zahlen muss, damit ihre Währung eine Inflation von 3 Prozent erträgt.
Auf der anderen Seite steht eine Notenbank, die null zahlt und trotzdem Mühe hat, den Zustrom in ihre Währung zu bremsen.
Frag Dich nicht, wo es mehr Zins gibt. Frag Dich, welches Geld kein Schmerzensgeld braucht.