Zölle, Pharma, Trump: Wie sicher ist der Standort Schweiz noch?
Amerika verhängt Zölle, die Schlagzeilen schreien, und Du fragst Dich, ob Du gerade in ein Land ziehst, das unter die Räder kommt. Berechtigte Frage. Die Antwort steht im Kleingedruckten, und sie sieht anders aus als die Schlagzeile.
24. Juli 2026Sebastian Sauerborn
Erst die Fakten, dann die Einordnung. Beides brauchst Du, denn die Schlagzeilen liefern nur das Gewitter.
Seit dem 24. Juli 2026 gelten neue amerikanische Zölle nach Section 301 gegen 60 Volkswirtschaften, die Schweiz ist dabei. Seit dem 31. Juli greifen zusätzlich Pharma-Zölle nach Section 232, zunächst für die in der Proklamation gelisteten Firmen, ab dem 29. September für alle übrigen.
Das ist real. Kein Grund, es kleinzureden.
Aber jetzt schau auf die Zahlen, die in keiner Schlagzeile stehen.
Dazu im Video
Der Schweizer Zoll-Triumph: Wie Bern Trump in die Knie zwang
Der Sturm trifft alle. Entscheidend ist das Boot.
Die Pharma-Proklamation setzt einen Basiszoll von 100 Prozent auf patentierte Medikamente.
Hundert. Prozent.
Und was zahlt die Schweiz? 15 Prozent. Die Klausel steht wörtlich in der Proklamation: Für Japan, die EU, Korea sowie „Switzerland and Liechtenstein jointly" gilt kraft der ausgehandelten Vereinbarungen der reduzierte Satz. Generika bleiben ganz ausgenommen, und Firmen mit Preisabkommen fahren bis 2029 sogar auf null.
Dasselbe Muster bei den Section-301-Zöllen: Für die Schweiz gilt ein Deckel von 12,5 Prozent, in den die bestehenden Zölle eingerechnet werden. Liegt der reguläre Zoll eines Produkts schon bei 12,5 Prozent oder darüber, kommt null obendrauf. Das SECO rechnet es vor: Bei 5 Prozent regulärem Zoll beträgt der Zusatz 7,5 Prozent. Pharmazeutika, Gold und zivile Flugzeuge sind ganz ausgenommen. Und diese Regel ersetzt die härteren Zölle vom Februar, die noch 10 Prozent obendrauf legten.
Die Schweiz steht damit in derselben Kategorie wie Japan und Korea. Die EU hat einen Deckel von 10 Prozent, also 2,5 Punkte weniger. Das ist der ganze berühmte Unterschied: zweieinhalb Punkte auf einen Deckel, nicht Welten.
Im selben Sturm hat kaum jemand ein besseres Boot ausgehandelt als Bern. Ohne EU-Mitgliedschaft, ohne Block im Rücken, ein Land mit neun Millionen Einwohnern am Tisch mit Washington. Das Ergebnis kannst Du oben nachlesen.
Und was trifft davon Dich?
Jetzt die Frage, deretwegen Du diesen Text liest.
Diese Zölle treffen Warenexporte in die USA. Sie treffen nicht Deinen Wohnsitz, nicht Deine Bewilligung, nicht Deine Steuerrechnung, nicht Dein Konto. Der Zoll auf eine Uhrenlieferung nach New York ändert an Deinem Zuzug exakt nichts.
Was sie treffen können: Arbeitsplätze bei exportlastigen Arbeitgebern. Wenn Du planst, bei einem Pharmakonzern oder einem Maschinenbauer anzuheuern, der stark am US-Geschäft hängt, ist das eine Standortfrage, die Du im Blick behalten solltest. Die ehrliche Einordnung dazu: Die größte Exportbranche des Landes zahlt 15 statt 100 Prozent, mit firmenspezifischen Null-Prozent-Pfaden. Das ist kein Kahlschlag-Szenario, das ist ein Verhandlungsergebnis.
Und es wird weiterverhandelt: Der Bundesrat weist die Vorwürfe zurück und führt die Gespräche über ein Handelsabkommen weiter. Bei Stahl, Aluminium und Kupfer gelten laut SECO Sektorzölle zwischen 10 und 50 Prozent, auch dort produktabhängig.
Die eigentliche Lektion des Sommers
Du kannst diese Wochen als Beleg lesen, dass die Welt rauer wird. Stimmt ja.
Aber dann lies sie ganz.
Als der Sturm kam, hat die EU als Block verhandelt und einen 10-Prozent-Deckel geholt. Die Schweiz hat allein verhandelt und 12,5 geholt, mit Ausnahmen für ihre Schlüsselbranchen. Kein Land wählt sich das Wetter aus. Aber Du darfst Dir aussuchen, in welchem Boot Du sitzt, wenn es losgeht.
Ein kleines Land, das in der härtesten Handelslage seit Jahrzehnten seine Pharmaindustrie, sein Gold und seine Flugzeugteile aus der Schusslinie verhandelt, ist nicht der Standort, der unter die Räder kommt.
Es ist der Standort, der zeigt, wofür man ihn sich aussucht.