Am 27. Mai 2026 hat der Bundesrat den Termin festgelegt: Am 27. September 2026 stimmen Volk und Stände über die Neutralitätsinitiative ab.
Bevor wir über Inhalte reden, halte kurz fest, was hier eigentlich passiert.
Ein Komitee sammelt Unterschriften. 129.806 gültige kommen zusammen, gebraucht hätte es 100.000. Und damit ist die Sache erzwungen: Die Außenpolitik des Landes, das Allerheiligste jeder Regierung, kommt an die Urne.
In Deutschland entscheidet über Krieg, Frieden, Sanktionen und Bündnisse eine Koalitionsrunde am Sonntagabend. Du erfährst es aus der Tagesschau.
In der Schweiz entscheidet darüber am 27. September jeder einzelne Stimmberechtigte.
Worüber abgestimmt wird
Der Initiativtext will einen neuen Neutralitätsartikel in die Verfassung schreiben. Die Kernsätze:
„Die Schweiz ist neutral. Ihre Neutralität ist immerwährend und bewaffnet."
Kein Beitritt zu Militär- oder Verteidigungsbündnissen, außer die Schweiz selbst wird angegriffen. Keine Beteiligung an fremden Kriegen. Und, das ist der schärfste Punkt: keine nichtmilitärischen Zwangsmaßnahmen gegen kriegführende Staaten, also keine eigenen Sanktionen außerhalb der UNO. Die Neutralität soll stattdessen als Kapital für Vermittlung und gute Dienste eingesetzt werden.
Die Initiative will die Neutralität also nicht erfinden. Sie will sie in Stein meißeln, so fest, dass keine künftige Regierung sie umdeuten kann.
Und wer ist dagegen? Fast alle da oben.
Hier wird es interessant.
Bundesrat und Parlament empfehlen ein Nein. Der Nationalrat lehnte mit 128 zu 60 ab, der Ständerat mit 35 zu 8. Ein Gegenvorschlag des Ständerats starb auf dem Weg durch die Räte. Das Argument der Gegner: Der Meißel nimmt der Schweiz Handlungsspielraum, etwa bei Sanktionen, wie sie das Land nach dem russischen Angriff auf die Ukraine weitgehend von der EU übernommen hat.
Man kann das für klug halten. Man kann es auch für genau die Flexibilität halten, mit der Ausnahmen gewöhnlich sterben: nicht mit einem Knall, sondern in Trippelschritten, jeder einzeln gut begründet.
Das Schöne ist: Du musst diesen Streit nicht entscheiden, und die Classe politique darf es auch nicht. Am 27. September entscheiden ihn die Leute, um deren Land es geht. Für eine Annahme braucht es die Mehrheit von Volk und Ständen.
Was das für Dich heißt
Erstens, zur Beruhigung: An Deinem Zuzug ändert diese Abstimmung nichts. Der Initiativtext regelt Außen-, Sicherheits- und Sanktionspolitik. Aufenthalt, Bewilligungen, Steuern kommen darin nicht vor. Ob Ja oder Nein, Deine Wohnung, Deine Anmeldung, Deine Steuerrechnung bleiben, wie sie sind.
Zweitens: Gewöhn Dich an den Anblick, denn das hier ist keine Ausnahme, sondern der Normalbetrieb. Am selben Tag stimmt das Land auch über die Ernährungsinitiative ab. Ein paar Wochen später, am 29. November, über die Mehrwertsteuer und die Ehepaar-Besteuerung. So sieht ein Jahr aus, wenn die Bürger das letzte Wort haben.
Drittens, und das ist der Punkt, der bleibt: Du ziehst nicht in ein Land, das zufällig neutral ist.
Du ziehst in ein Land, das über seine Neutralität abstimmen lässt. Das seine Grundsatzfragen öffentlich austrägt, mit Abstimmungsbüchlein im Briefkasten, statt sie in Hinterzimmern zu erledigen.
Beim ersten Mal wirkt das fremd. Beim zweiten Mal wirkt es beneidenswert.
Spätestens beim dritten Mal fragst Du Dich, warum Du das nie durftest.